Früher Morgen

Die Uhr in der Küche hatte die Nacht beinahe schon hinter sich gelassen, als Big T kurz vor vier Uhr morgens die Terrassentür öffnete.

Seit Tagen hatte die Hitze wie eine schwere Decke über dem Land gelegen. Schon am frühen Vormittag war die Luft kaum noch zu ertragen gewesen, und selbst nach Sonnenuntergang hatte sich die Wärme nur widerwillig aus den Wiesen und den Mauern zurückgezogen. Doch in dieser Nacht war etwas anders.

Barfuß trat sie hinaus auf die Terrasse. Der erste sanfte Luftzug strich über ihre nackten Arme und Beine und ließ sie unwillkürlich stehen bleiben. Er war kühl genug, um nach den vergangenen Tagen wie eine Erleichterung zu wirken, und zugleich noch warm genug, um einfach im kurzen Schlafanzug bleiben zu können. Zum ersten Mal seit Langem schien die Welt wieder zu atmen.

Die Nacht war bereits dabei, sich langsam zurückzuziehen. Noch lag der Garten im Halbdunkel, doch am Horizont hatte sich bereits ein bläulicher Schimmer ausgebreitet. Die hohen Bäume standen als dunkle Silhouetten vor dem heller werdenden Himmel und zwischen den Pflanzen zeichneten sich nach und nach wieder die Konturen der Landschaft ab.

Sie atmete einmal tief ein. Frisch und lebendig umgab sie der Garten mit all seinen feinen Nuancen aus Bäumen, Sträuchern und warmem Rindenmulch. Ein letzter Rest Heu, der jeden Abend frisch in die Pferdeboxen des naheliegenden Reitstalls gegeben wurde, hing noch unter allem anderen in der Luft.  

Die ersten Amseln hatten bereits begonnen zu singen. Noch nicht dieses volle Konzert, mit dem sie später den Morgen begrüßen würden, sondern einzelne, kurze Strophen, so als warteten sie erst noch, bis auch die anderen Vögel endlich wach waren. Wirklich still war es dazwischen trotzdem nicht. Die Grillen hielten noch an der Nacht fest. 

Der erste Regentropfen traf ihren Unterarm.

Ein zweiter landete auf ihrem Oberschenkel.

Big T schaute hinauf in den graublauen Himmel.

Fast lautlos hatte ein feiner Sommerregen eingesetzt. Die Tropfen waren so zart, dass sie eher sanft auf der Haut zu landen schienen, als wirklich runter zu fallen. Sie blieb stehen, spürte jede winzige, kühle Landung auf ihrem vom Tag aufgeheizten Körper.

Unmittelbar wurden die Düfte um sie herum intensiver. Die trockene Erde sog den Regen regelrecht auf und gab ihren eigensinnigen Chrakter preis. Big T schloss für einen Moment die Augen und atmete einfach. Feuchtes Gras. Dunkle Erde. Der würzige Geruch des Waldbodens und der wilden Wiesen hinter dem Grundstück. Dazwischen ein Hauch ihres Lavendels, der sich tagsüber fast in der Hitze verloren hatte und jetzt wieder leise in die Morgenluft trat.

Als der Regen langsam nachließ, setzte sie sich auf einen der alten Holzstühle, der das mit einem groben Knartzen kommentierte. Sie hatte nichts vor. Kein Handy in der Hand, kein Getränk auf dem kleinen Tisch neben sich. Es gab nichts zu tun, nichts, was sie hätte bedenken müssen. Alle anderen schliefen noch. Zum ersten Mal seit Tagen konnte sie einfach nur dasitzen. In nicht mal zwei Stunden würden die ersten Türen auf und zu gehen, Autos würden starten und über die Schotterwege rollen, Hunde den Tag begrüßen und die ersten Stimmen würden durch die Nachbarschaft hallen. Doch bis dahin gehörte der Morgen ihr ganz allein. 

Am Gartensaum leuchtete ein kleiner grüner Punkt auf.

Er verschwand wieder.

Einige Sekunden später erschien er ein paar Meter weiter erneut.

Das erste Glühwürmchen des Jahres. Zumindest für ihre Augen. 

Mit seinem unruhigen Flug zog es auf Brusthöhe durch den Garten. Eine Weile versuchte Big T, dem kleinen Insekt mit ihrem Blick zu folgen, wie es aus der Dunkelheit auftauchte, wieder verlöschte und sein Licht an anderer Stelle erneut aufflammen ließ. Kurz darauf erschien ein zweites und beide tanzten vor den dunklen Silhouetten der Lebensbäume unstete Kreise umeinander, als würden sie sich gegenseitig suchen, ohne jemals wirklich dieselbe Bahn zu fliegen. Eines kam so nah heran, dass Big T jede kleine Richtungsänderung verfolgen konnte, bevor es sich langsam wieder in die Dämmerung zurückzog.

Fast gleichzeitig begann es im Rosengebüsch zu rascheln.

Ein Igel schob seine kleine Schnauze zwischen den Zweigen hervor, blieb einen Moment stehen und machte sich dann mit erstaunlicher Entschlossenheit auf den Weg über die Terrasse. Angeregt schnüffelnd zog er in kurzen, zackigen Richtungswechseln über die raue Betonplatte. Sein Tempo verriet, dass er keine Zeit zu verlieren hatte. Er hatte bereits fast die Hälfte der Terrasse passiert, als er plötzlich innehielt. Deutlich hörbar und hastig schmatzte er über einen gefundenen Happen, zog dann aber ebenso geschäftig weiter an Big Ts Füßen vorbei ins Unterholz auf der anderen Seite. Das kleine Tier hatte keine Notiz von ihr genommen. 

Das Rascheln wurde leiser, bis schließlich nur noch die Amseln und irgendwo in der Ferne das einzelne Quaken eines Frosches zu hören waren.

Der Regen hatte aufgehört.

Die Glühwürmchen waren verschwunden.

Big T lehnte sich zurück und ließ den Blick zum heller werdenden Himmel wandern. Der Luftzug strich noch immer angenehm kühl über ihren Körper, und in dieser Morgenstunde gab es nichts, was sie davon abhielt, einfach da zu sein. 

„Danke, Jesus“, sagte sie leise. 

Ein paar Minuten blieb sie noch so sitzen und hörte der erwachenden Welt beim Atmen zu.