Wie eine schlechte Nacht den ganzen Tag Baustellenlärm erzeugt
Kennst du das: eine Nacht, in der offenbar ohne Ankündigung Nachtschicht angeordnet wurde? Wälzen, Aufschrecken, wieder wegdämmern, wieder hoch – Baulärm im Unterbewusstsein, sozusagen. Die meisten Menschen nennen das „schlecht geschlafen“ und gönnen sich dafür einen zweiten Kaffee. Bei ME/CFS heißt das Bauvorhaben anders. Da steht am nächsten Morgen nicht „etwas müde“ auf dem Bauschild, da steht in großen Lettern: Baustelle. Betreten auf eigene Gefahr. Zu spät. Schon passiert.
Die Schaltzentrale fährt hoch – und findet den Betrieb bereits in vollem Gange, nur leider unangemeldet. Über Nacht haben sich, ganz ohne Baugenehmigung, mehrere Anbauten in den Körper gezwängt: Kopfdruck, als würde dort mit Nachdruck gemauert. Die Muskeln haben heimlich das Material gewechselt, fest zu Flüssigbeton, Beschwerden bitte schriftlich einreichen. Die Gelenke reichen eine Sammelklage ein. Und die ganze Körperschaft steckt mitten in der Nachtschicht-Abrechnung, weil offenbar Energie verballert wurde, die eigentlich als Reserve für die nächsten drei Tage vorgesehen war. Wer soll das bezahlen, fragt sich der Stoffwechsel zu Recht.
Die Schaltzentrale, restlos erschöpft, macht erst mal Inventur der Baustelle: Wie laut ist es gerade? Wo sind die Einzelteile abgeblieben, die es braucht, um überhaupt die Wasserflasche aufzubekommen? Der Weg vom Bett ins Bad, keine drei Meter Luftlinie – momentan leider noch nicht genehmigungsfähig, das Bauamt bittet um Geduld. Immer wieder bringen stürmische Verwirbelungen die Dokumentation Schaltzentrale durcheinander.
Irgendwer, so viel steht fest, hat vergessen, die Baustellensirene abzuschalten: Ein hoher, gnadenlos durchgehender Piepton liegt jetzt wie Dauerregen über der ganzen Gegend. Und direkt unter dem Lautsprecher werkelt hoch konzentriert einer mit dem Presslufthammer und reißt, ziel- wie planunsicher daneben, ein Loch nach dem anderen in den Boden, den andere Tage zuvor mühsam glattgeteert hatten. Sisyphos hätte anerkennend genickt.
Die Schaltzentrale beobachtet das Treiben eine Weile mit zusammengekniffenen Augen. Erwägt eine Abmahnung. Entscheidet sich dann um – so viel Einsatz muss man erst mal würdigen, auch wenn am Ende nur Schutt übrig bleibt – und meldet sich, komplett eigenmächtig, für den Rest des Tages ab. Zieht sich dorthin zurück, wo sie glaubhaft behaupten kann, von alldem nie etwas mitbekommen zu haben. Bevor sie geht, drückt sie noch eben auf ihren Lieblingsknopf. Es zischt. In einem mystischem Abgang lässt sich die Schaltzentrale vom Nebel verschlucken und ist weg.
Was bedeutet das für alle, die noch nie eine PEM hatten?
Stell dir vor, du müsstest ein Haus bauen, aber jemand hat über Nacht heimlich schon das halbe Baumaterial für die nächsten zwei Tage verbraucht – ohne dir Bescheid zu geben. Genau so leer steht am Morgen das Materiallager, aus dem dein Körper eigentlich schöpfen sollte. Die Forschung zeigt inzwischen: der ME/CFS Körper ist tatsächlich eine echte Großbaustelle. Als Hauptverdächtige gelten heute unter anderem ein gestörter Energiestoffwechsel, eine fehlgesteuerte Immunantwort und Schäden am Nervensystem, die vermutlich alle drei zusammenwirken. Dazu kommt eine weitere Baustelle, die kaum jemand auf dem Zettel hat: die kleinsten Blutgefäße im Körper. Verformte rote Blutkörperchen und eine gestörte Gefäßweitung sorgen dafür, dass unter Belastung schlicht zu wenig Sauerstoff dort ankommt, wo er gebraucht wird – so beschreibt es Prof. Christian Puta 2025 auf der internationalen ME/CFS-Konferenz der Charité.
Auch die Mitochondrien laufen im Krisenmodus: „Ihre Leistung ist vermindert und sie stellen nicht genug Energie bereit,“ fasst Prof. Carmen Scheibenbogen von der Charité Berlin zusammen. Wer PEM heute immer noch für ein subjektives, nicht messbares Unwohlsein hält, dem müssen zu viele Bausteine auf die Augen gefallen sein: Bereits 2003 wurde PEM in den Kanadischen Konsenskriterien als zwingendes diagnostisches Kriterium für ME/CFS festgelegt – ohne nachweisbare PEM gibt es keine valide Diagnose.
Kein Kaffee füllt unser leergeräumtes Lager wieder auf, ebensowenig wie der Willenskraft-Vortrag zur achtsamen Morgenroutine für den perfekten Start in den Tag. Manchmal braucht die Schaltzentrale fürs Auffüllen den ganzen Tag. Manchmal mehr als einen. Und das ist kein Baumangel an der Motivation, sondern eine ganze Behörde voller Baustellenstellen, die gerade gleichzeitig aus allen Büros mehrere hundert Seiten Kleingedrucktes durch die Flure wirft.
Im Namen des Schaltzentralenaufsichtsrates bitten wir Sie daher: Erst lesen, dann lösen.